Das Feuerbakterium Xylella fastidiosa

In den Medien wird von Zeit zu Zeit über die anhaltende Zerstörung von Olivenhainen im Süden von Apulien berichtet, die mit ihrem Bestand von bis zu tausend Jahre alten Olivenbäumen, die Naturdenkmälern gleichen, eine einmalige Kulturlandschaft darstellen. Der Befall mit dem Feuerbakterium Xylella fastidiosa wird dafür verantwortlich gemacht. Das Bakterium, auch als Auslöser der Pfirsichkrankheit und inzwischen als tödliche Infektion bei vielen Pflanzen identifiziert, war bis 2013 in Europa nicht aufgetreten, aber schon lange als ein gefürchteter und endemischer Pflanzenschädling an Zitrusbäumen in Südamerika und Rebstöcken in Kalifornien bekannt. Das Bakterium wird über Zwischenwirte – in der Regel Insekten – übertragen, die aus dem Xylem saugen, dem hinter der Rinde liegenden Bastgeflecht der Leiterbahnen. Darin können die Bakterien Klumpen bilden und als Pfropfen die Leiterbahnen verschließen, so dass die Pflanze vertrocknet und abstirbt.

Verwirrung, Ratlosigkeit und Verdächtigungen

Bis heute ist kein Mittel gefunden worden, um das Bakterium wirksam zu bekämpfen. Daher wurde gesetzlich verfügt, durch Rodung der Olivenbäume eine zwanzig Kilometer breite Pufferzone nach Norden zu schaffen, von der dann angenommen wird, dass sie frei von Insekten sein würde. So soll die Ausbreitung des Bakteriums verhindert werden. Weiterhin müssen beim entdeckten Befall eines Baums zur Quarantäne im Umkreis von 100 Metern alle dort wachsenden Pflanzen vernichtet werden.

Es gibt anhaltende Widerstände gegen diese Verordnungen und in der Folge auch noch nicht beendete juristische Auseinandersetzungen. Deshalb konnte die volle Breite der Pufferzone bisher nicht erreicht werden. Zwischen Experten, Wissenschaftlern, Umweltschützern, Eigentümern, der Regionalregierung und der EU-Kommissionen gibt es weiter heftigen Streit über die Ursachen und die richtigen Gegenmaßnahmen. Da werden diverse Schuldzuweisungen wegen nachlässigen und nicht rechtzeitigen Handelns gegen regionale Behörden erhoben oder die Freisetzung aus Laborversuchen angeprangert, aber die Vermutungen reichen auch bis hin zur Annahme von Verschwörungen: die Mafia habe die Bakterien absichtlich freigesetzt, um im Zuge von Bodenspekulationen Bauland zu schaffen.

Die Zerstörung einer  alten Kulturlandschaft

Eine irrige Annahme ist es aber auch hier, dass es die Feuerbakterien seien, die die wertvolle Kulturlandschaft der Olivenhaine zerstören. Frühere Generationen hatten mit ihrer Art der Bewirtschaftung die Natur- zur Kulturlandschaft geformt. Es sind die Generationen der letzten sechzig Jahre, die sie mit ihrer Art des Wirtschaftens nun wieder zerstören. Alle Hoffnungen, diese Zerstörung aufhalten zu können, wenn ein Spritzmittel entwickelt ist oder resistente Olivenbäume gezüchtet sind, dürften die eigentlichen Ursachen gar nicht berühren. Die liegen darin, dass die systemischen Zusammenhänge, die natürlichen Wechselwirkungen in der Kulturlandschaft, die Nachhaltigkeit verbürgen können, nicht mehr beachtet werden. Die neuen Effizienzmaßstäbe, um die Ausbeute zu maximieren, führen mit Überdüngung und starker Bewässerung zum Turbowachstum der Pflanzen. Ständig müssen die Olivenbäume Hochleistungen bei den Erntemengen erbringen. Das schwächt die Abwehrkräfte der Pflanzen. Der Wechsel von der früheren Mischbepflanzung hin zu heutigen Monokulturen und die ständige Vernichtung von vermeintlich unnützem Konkurrenzbewuchs am Boden hat zur Folge, dass die Artenvielfalt abnimmt und damit auch die Anwesenheit von „Nützlingen”, die schädlichen Entwicklungen entgegenwirken können.

Die soziale Dimension

Es sind auch soziale Faktoren, die auf den Naturhaushalt einwirken und die komplexen Wechselwirkungen aus dem Lot bringen. Der Wandel beim Olivenanbau, hin zur intensiven Landwirtschaft, zieht zum einen den ersatzlosen Verlust von Arbeitsmöglichkeiten nach sich, zum anderen eine Überproduktion mit ständigem Preisverfall beim Olivenöl, die den weit größeren Einfluss auf die ökonomische und soziale Lage als der Olivenölbetrug haben dürfte. In dieser Folge sehen die jungen Generationen heute keine Chance mehr, mit den Olivenhainen im Familienbesitz ihre zukünftige Existenz zu sichern und wenden sich ab. Die Alten machen zwar weiter, ihr Altersdurchschnitt bewegt sich aber rasant auf die siebzig zu. Die Alten ernten oft nur noch die Oliven, pflegen ihre Haine aber nicht mehr, so dass sie langsam der Verwilderung anheimfallen. Grillen und Zikaden sind als Zwischenwirte für Xylella ausgemacht worden. In ungepflegten Hainen finden die Insekten bessere Lebensbedingungen vor und beginnen sich auszubreiten, zeitlich in etwa parallel zum verbreiteten Absterben der Olivenbäume. Und wieder sind es Außenseiter, die auf diese Zusammenhänge hinweisen und nicht beachtet werden. Zweistellige Millionenbeträge werden stattdessen in konventionelle Maßnahmen und chemische Forschung gesteckt.

Es erinnert an die Umweltdebatte der siebziger Jahre, als bei der Rauchgasentgiftung die Lösung in der Entwicklung von Filtertechnologien gesucht wurde, wodurch dann hochgiftige Dioxine als Reststoffe anfielen, die man unter der Erde oder im Meer zu verstecken suchte. Als end of pipe-Technologien kritisierten wir das damals schon und kämpften darum, Lösungen im Ursprung durch Vermeidung zu suchen.

Das Beispiel Borkenkäfer

Wenn Wälder, die als Monokulturen angelegt sind, nicht gepflegt und wie früher „geputzt“ werden, dann breitet sich der Borkenkäfer aus und lässt Bäume absterben. Ließe man das zu, verschaffte er damit anderen Pflanzen einen Raum neue Pflanzengemeinschaften zu bilden, in dem dann die Schädlinge weniger günstige Bedingungen vorfinden würden. Eine moderne Forstwirtschaft hat das erkannt und sucht nicht mehr nur durch das Übersprühen der Wälder den Borkenkäfer zu treffen, sondern ihn durch Mischbepflanzungen in Schach zu halten.

Sinn und Nutzen von Landschaftsmuseen

Derzeit ist die südapulische Region die erste, die von Xylella massiv befallen wurde. Es gibt dort noch zahlreiche kleinere Olivenhaine, in denen der frühere Bewuchs mit Olivenbäumen, Mandeln, Trauben, Obstbäumen und Buschwerk erhalten wurde. Sie wirken zwischen all den abgestorbenen Olivenbäumen wie grüne Inseln in der Steppe. Unsere Motive, Landschaftsmuseen auf Kreta und in Apulien zu entwickeln, speisten sich nicht nur aus der Geschichtsträchtigkeit der Landschaft. Vielmehr ist unsere These, dass sich im Alten auch Anregungen zur Lösung zukünftiger Probleme finden lassen würden. Die Ereignisse im Süden von Apulien bestärken diese These. Das Projekt „Faunus“ hätte damit mehr als nur symbolische Bedeutung für einen runden Geburtstag.

2 Comments

hpfeffer 09.04.2018 Reply

Diversität

hpfeffer 09.04.2018 Reply

Statt vieler Worte, sandte uns Adriano März (Olivenöl No.9 – Toskana) diese didaktisch eindrucksvolle, bildhafte Darstellung zur Diskussion der Xylella-Problematik.

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